„Sensationelle Nachricht aus dem Jahr 2038“ – Ein Interview mit Dietmar Dahmen

11. April 2018

Auf der Usability/UX-Tagung 2018 der Abteilung Usability und User Experience (UX) Design des Fraunhofer-Instituts FIT am 12. April 2018 wird Dietmar Dahmen zum Thema „Superhelden des Wandels: Wie sieht unsere technisch-menschliche Zukunft aus?“ vortragen. Einen kleinen Einblick auf seine Sicht auf die Welt in 20 Jahren gewĂ€hrt uns Dietmar Dahmen im Interview.

Herr Dahmen, Sie haben uns eine sensationelle Nachricht aus dem Jahr 2038 geschickt, die uns natĂŒrlich alle extrem neugierig macht. Heute sind Sie fĂŒr dieses Interview zurĂŒck aus der Zukunft. Verraten Sie uns doch, wie lebt und arbeitet es sich in 20 Jahren?

Dietmar Dahmen: Erst erfinden wir eine neue Technologie, dann erfindet uns diese Technologie neu. Die Erfindung der Dampfmaschine brachte uns große zentrale Fabriken, in denen Massenwaren produziert wurden. Diese wurden in Massenmedien beworben und in MassengeschĂ€ften (SupermĂ€rkte, KaufhĂ€user) verkauft. Menschen begannen in Massen zusammen zu leben (HochhĂ€user), Kinder wurden massenweise ausgebildet (Schulpflicht), um mit gleichförmigem Massenwissen in der Welt der Massenjobs zu funktionieren. Standardisierte Ausbildung: Wenn ein Mechaniker krank ist, kann der andere den Job 1:1 erledigen. Normen, GLEICHHEIT war fĂŒr die Massen-Ökonomie extrem wichtig. Nur so konnten genĂŒgend GLEICHE Produkte geschaffen werden – fĂŒr im Idealfall GLEICHE BedĂŒrfnisse, die in Massenmedien geformt werden, und einer GLEICHEN Kundschaft.

ALLE sollen ein AUTO wollen.
ALLE mit 4 TĂŒren.
ALLE sollen damit nach XYZ in Urlaub fahren!

Digitalisierung ist das ENDE DES MASSENDENKENS! Digitale Produktion (3-D Druck) braucht keine Massenfabrik. Es kann DEZENTRAL produziert werden.
Digitale Medien sind KEINE MASSENMEDIEN mehr. Ihr Facebook, Youtube, Google usw. ist anders als meines.

Alles passt sich an MEINE BedĂŒrfnissen an – wenn auch nur virtuell.
JETZT will ich ein Auto…jetzt nicht: Car-Sharing.
JETZT will ich auf‘s Matterhorn…jetzt tauchen: Virtual Reality.
JETZT will ich… EGAL WAS…. BAMM! …. digital ist es schon da!

Menschen brauchen nicht einmal mehr in StĂ€dten zu wohnen, um die Vorteile von „Connectivity“ zu nutzen. Der Austausch von Erfahrung, Wissen und Innovation findet digital auf Plattformen statt. Digitales Lernen erlaubt „individuelles“ Lernen. Der BESONDERE Mitarbeiter ist wertvoller als der STANDARDISIERTE.

Die Digitalisierung stellt das INDIVIDUUM in den Mittelpunkt! Alles ist INDIVIDUELL einstellbar, verĂ€nderbar. Das Produkt passt sich an den Menschen an: „Du willst dein Gesicht als Hintergrund am Handy Screen? – BAMM! …. digital ist es schon da!“ und nicht der Mensch an das Produkt: „Das Auto haben wir nur in schwarz- wenn du es nicht willst – kauf es nicht“.

Die Massenökonomie lebte von ANPASSUNG. Kunden mĂŒssen sich an Produkt-Normen anpassen: „Den KĂŒhlschrank gibt es nur in 60 cm Breite“, an Öffnungszeiten: „Sorry, wir schließen!“ oder an Orte: „Du kommst zu uns in den Laden, ins BĂŒro, in die Fabrik“.

Die INDIVIDUAL-ÖKONOMIE dreht das um. Der KUNDE treibt durch seine Nachfrage – das Unternehmen passt sich dem Kunden an. Produkte gibt es in immer mehr Variationen, LĂ€den sind 24/7 offen, Arbeit kommt zu mir- statt ich zur Arbeit: Homeoffice ist normal geworden, manche Unternehmen arbeiten GANZ ohne festes Office.

Die Massen-Ökonomie lebte von der KNAPPHEIT: „ES WIRD GEGESSEN WAS AUF DEN TISCH KOMMT!“ Wenn Du das Produkt, den Job, den Service willst: „Nimm es so wie es ist – oder hab Hunger!“

Die DIGITAL-Ökonomie lebt vom INDIVIDUALISMUS: “Ich mag das nicht – ich will es anders. Wenn Du willst das ich es kaufe- passe Dich an mich an!“
Wer nicht fĂŒr da den Kunden da ist- verliert den Kunden.
DIE MACHT IST BEIM KUNDEN!

Der Mensch der Massen-ökonomie diente dem Unternehmen.
Die Unternehmen der Digital-Ökonomie dienen dem Menschen.
Der Mensch wird wichtiger, individueller.
Die Arbeit beginnt wann ich will, wo ich will – ob ich will.
Wer keine Lust auf Arbeit hat – lebt von der Basisrente.
Wer keine Lust auf Stadt hat – lebt z.B. auf einem Boot (bei voller Connectivity).
Wer keine Lust auf Massenwaren hat – kauft das individuell gefertigte Produkt (bei voller Preis- und QualitĂ€tsgleichheit)!

Blockchain, IoT, diverse RealitĂ€tsformen wie Augmented, Assisted oder Virtual ChatBot, Artificial Intelligence, Machine Learning, Natural Language Processing: Alles nur Buzzwords oder sind diese Services und Technologien der SchlĂŒssel in die Welt der Zukunft?

Dietmar Dahmen: All diese Dinge sind AUSWIRKUNGEN der Digitalen Transformation. Die BASIS-TECHNOLOGIE ist bei all den genannten Dingen immer dieselbe: Es ist immer die Digitalisierung!

Und damit haben alle einen SUPER VORTEIL: Sie erlauben immer INDIVIDUALISIERUNG, VARIABILITÄT, DEZENTRALISIERUNG, UNTERSCHIEDLICHKEIT!

Sie bedeuten im Gegenzug immer das ENDE des GLEICHEN, FESTEN, ZENTRALEN, GENORMTEN. Zentrale Gleichheit fÀllt weg. Dezentrale Individualisierung kommt.
Und zwar bei allen, oben genannten Punkten:

Die Blockchain ist der WEGFALL der ZENTRALEN EXPERTEN.

Blockchain = digital = dezentral = individuell: Von Smart Contracts (individuelle „wenn-dann-VertrĂ€ge“) bis zum Tracken eines individuellen Diamanten oder einer individuellen Flasche Wein in der Blockchain. Das Wissen wird dezentral aufbewahrt. Der zentrale Experte der bestĂ€tigt „Ja! Dieser Diamant ist echt“ entfĂ€llt.

Diesen Wegfall der ZENTRALISIERUNG sehen wir ĂŒberall:
ZENTRALE STEUERUNG: IoT = digital = dezentral = individuelle Steuerung.
ZENTRALE REALITÄT: A.R. = digital = dezentral = individuelle RealitĂ€t.
ZENTRALE KOMMUNIKATION: ChatBot = digital = dezentral = individuelle Kommunikation.

Die DEZENTRALISIERUNG und INDIVIDUALISIERUNG gewinnt volle Breite.
Frage: „Warum nehmen wir all das so schnell an?“
Antwort: „Weil es fĂŒr den Kunden BEQUEM ist!“

Statt, dass ich zum Experten muss – nur um etwas zu beweisen – kommt der Beweis in Form der Blockchain zu mir! Statt das ICH mich an das System anpassen muss, passt das System sich an mich an. Aus Sicht des KUNDEN: Das ist VIEL BESSER!!!

Oder anders: Keiner hatte jemals wirklich Lust auf Zentralisierung und Massendenken. Es war ein „notwendiges“ Übel, das die damalige Technik eben mit sich brachte. Der Vorteil, den man sich durch Anpassung an die industrielle Transformation erkaufte, waren technisch hochwertige Produkte zu einem erschwinglichen Preis. Diesen Vorteil gibt es heute AUCH DANN, WENN SICH DER ANBIETER AN MICH ANPASST – und nicht ich an ihn.

Frage: „Woran kann man erkennen, dass keiner LUST auf Massenwaren hatte?“
Antwort: „Daran, dass jeder nur so viel hatte ; WIE EBEN NÖTIG!“

Wir MUSSTEN ein Telefon haben also kauften wir EINES, stellen es in die Mitte der Wohnung – ALLE konnten es nutzen.
Es gab EIN TELEFON fĂŒr 4 Personen im Haushalt, 6 Personen in der WG 14 Studenten im Wohnheim.
Das Telefon wurde SO SELTEN AUSGETAUSCHT WIE NUR IRGEND MÖGLICH! Warum auch? Die Telefone waren Massenfertigung und somit eh alle gleich!

Heute ist das VÖLLIG ANDERS!
Wie viele Connected Devices sind in Ihrem Haushalt? Wie alt ist Ihr Handy? Ihr Computer…? Ihr Auto…? Wir WOLLEN das Neue, weil es SPASS MACHT. – NEU ist. – ANDERS aussieht!
Sie BRAUCHTEN das neue Handy, den Computer oder das Auto NICHT! – Sie WOLLTEN es!

Was wird sich ihrer Meinung nach durchsetzen / was wird untergehen?

Dietmar Dahmen: Die genannten Technologien sind also UNTERSCHIEDLICHE AUSWIRKUNGEN des immer gleichen GRUND-VORTEILS: Individualisierung!
Individualisierung gewinnt…. Massendenken verliert!

Der TREIBER ist also das BEDÜRFNIS des Menschen – nach Individualisierung, Anerkennung
 Maslow eben. Die TECHNIK ist die BEFRIEDIGUNG diese GrundbedĂŒrfnisse. Das BEDÜRNIS bleibt – die TECHNIK, um das das BedĂŒrfnis zu erfĂŒllen ÄNDERT SICH!

Beispiel:
Wir haben das BEDÜRFNIS nach MobilitĂ€t.
FrĂŒher sind wir gelaufen.
Dann geritten.
Dann Kutsche.
Dann Auto.
Jetzt nutzen wir ggf. Uber und bald ggf. Drone oder Hyperlink.

DAS BEDÜRFNIS ist konstant.
WANDEL UND INNOVATION bezieht sich auf die TECHNIK.
DER TRICK: Die Unternehmen mĂŒssen rauskriegen, welches GRUNDBEDÜRFNIS sie befriedigen.

Die AUTO-INDUSTRIE befriedigt das GUNDBEDÜRFNIS MOBILITÄT! Deshalb betreiben Daimler und BMW mit Drive Now und Car To Go CARSHARING – sogar mit Verbindung zur Bahn, Flugzeug etc. Aus: AUTO – als technische Lösung – wird MOBILITÄT – die Befriedigung eines GrundbedĂŒrfnisses. Dieses BedĂŒrfnis hat immer der Mensch. Menschen haben BedĂŒrfnisse – Produkte nicht!

Transportunternehmen fĂŒr GÜTER erfĂŒllen also NICHT das GrundbedĂŒrfnis nach „MobilitĂ€t“. Der Stuhl, den mir das Transportunternehmen bringt, will nicht reisen. Der Stuhl hat KEIN BedĂŒrfnis. Der MENSCH hat das BedĂŒrfnis: ich will einen Stuhl! Der Job des Transportunternehmens ist, es das BEDÜRFNIS DES MENSCHEN zu befriedigen, also dafĂŒr zu sorgen, dass ich einen Stuhl habe. OB der Stuhl im Zug, Schiff, Bahn. LKW transportiert wird ist mir EGAL! Er kann auch gerne in meinem Garten 3D gedruckt werden.  HAUPTSCHE DER STUHL IST DA.

Transportunternehmen und 3D-Drucker können also das GLEICHE GRUNDBEDÜFNIS befriedigen! Transportunternehmen mĂŒssen sich also auch mit 3D Druck beschĂ€ftigen! Zumindest wenn sie sagen: MEIN UNTERNEHMENSZIEL ist es, das Menschen Objekt, die sie brauchen, bekommen. – Und nicht: MEIN UNTERNEHMENSZIEL ist es, mit LKW auf der Straße herumzufahren.

Frage: „Welches BedĂŒrfnis erfĂŒllt ein KĂŒhlschrank?“
Antwort: „Das ich JETZT einen frischen Jogurt essen kann.“
Frage: „Was wenn der NICHT im KĂŒhlschrank ist, sondern mir in 5 min per Drone geliefert wird?“
Antwort: „Noch besser! Dann habe ich mehr Auswahl!“

Worauf sollten Unternehmen setzen, um auch in 20 Jahren noch erfolgreich am Markt zu sein? Gibt es Branchen, die sich Ihrer Meinung nach stark verÀndern werden? 

Dietmar Dahmen: Unternehmen mĂŒssen erkennen welches GRUNDBEDÜRFNIS sie erfĂŒllen! Wenn sie eine Technik sehen, die das SELBE GrundbedĂŒrfnis schneller, einfacher, individueller, energiesparender, besser fĂŒr den Planeten umsetzt: WAGEN SIE DEN SPRUNG ZUR NEUEN TECHNIK!
Nur so bleiben Sie am MARKT! Im Englischen nennt man das: MISSION DRIVEN!

Beispiel:
Wenn Sie vor 100 Jahren Kerzenhersteller waren und die GlĂŒhbirne kommt, haben sie zwei Möglichkeit darauf zu reagieren:
1. CRAFT DRIVEN: Ich kann Kerzen, die GlĂŒhbirne ist besser, GlĂŒhbirne kann ich aber nicht. – ich springe aus dem Fenster!
Oder 2. MISSION DRIVEN: Ich verkaufe Licht, die GlĂŒhbirne ist besser, ich lerne alles ĂŒber GlĂŒhbirnen – oder stelle Leute ein, die sich damit auskennen – und verkaufe MEHR LICHT als jemals zuvor!

Jeder Branche, die noch NICHT individuelle und dezentral arbeitet kann leichter angegriffen werden, als Branchen die das bereits tun.
Frage: „Warum sind die Branchen, die das bereits tun besser fĂŒr die Zukunft gewappnet?“
Antwort: „Weil sie bereits jetzt FLEXIBILITÄT in ihrem Kern haben. Sie haben schon jetzt GELERNT sich an die BedĂŒrfnisse der Kunden anzupassen. In einer VOLATILEN WELT ist FLEXIBILIITÄT der EINZIGE ÜBERLEBENS-GARANT!“

„Es scheint, dass wir die Grenzen dessen erreicht haben, was mit Computertechnologie möglich ist.”, sagte der Mathematiker und einer der VĂ€ter der IT John v. Neumann im Jahre 1949. Ein kleiner Irrtum. 😉 Welchen IrrtĂŒmern unterliegen wir heute, nur weil wir die Möglichkeiten der Zukunft noch gar nicht fassen können?

Dietmar Dahmen: Das GRUNDBEDÜRFNIS nach Individualisierung, Anerkennung, Selbstverwirklichung etc. ist ja KONSTANT! Die TECHNIK – erst die Dampfmaschine, dann die Digitalisierung – ist ja immer nur HILFSMITTEL, um das GRUNDBEDÜRFNIS zu erfĂŒllen.

Die Digitalisierung kann das recht gut- viel besser als die analoge Massenfertigung.
ABER: Auch Digitalisierung hat ALS TECHNOLOGIE Nachteile.
Besonders DREI Nachteile

  1. Sie hat nur 0 und 1.
  2. Sie basiert auf INFORMATION.
  3. Sie erfĂŒllt GRUNDBEDÜRFNISSE eines BIOLOGISCHEN Wesens „Mensch“ durch den UMWEG Technik.

Schauen wir uns das genauer an:

Erstens: 0 und 1:
Bits sind nicht schlecht, aber Qbits sind oft besser. Quantum Computing wird in den nĂ€chsten 20 Jahren VÖLLIG neue Wege finden, um GRUNDBEDÜRFNISSE zu befriedigen. Oft eben auf Wegen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können!

Zweitens: Information:
PrivatsphĂ€re ist zwar kulturell bedingt – vor 100 Jahren hatte aber kaum jemand ein eigenes Zimmer. Toiletten waren im Flur. Gewaschen hat man sich in der KĂŒche.
Es kann also sein, dass wir den PRIVATSPÄHREBEGRIFF völlig Ă€ndern und uns einfach daran gewöhnen, dass wir digital total ÜBERWACHT sind. Ich glaube aber eher, das NICHT WIR uns an die PRIVATSPÄHREDEFINITION der Technik anpassen, sondern das sich TECHNIK an UNSERE PRIVATSPHÄREGRUNDBEDÜRFNISSE anpasst. Auch hier ist Quantum Computing super – weil Daten zum Beispiel nicht „abhörbar“ sind.

Drittens: Biologie:
Technik ist technisch, Menschen sind aber BIOLOGISCH!  Die technischen Lösungen sind immer nur HILFSMITTEL. Eine PROTESE (technische Lösung) hilft uns zu gehen, wenn wir nur ein Bein haben. EIN NEUES BIOLOGIOSCHES BEIN wĂ€re aber besser, direkter – HEILMITTEL und nicht HILFSMITTEL!

Biologische Lösungen – zum Beispiel durch Genmanipulation – sind technischen HILFSMITTELN ĂŒberlegen. Ein NACHWACHSENDER ZAHN ist besser als jedes noch so perfekt 3D-gedruckte Implantat.
Die BIOLOGISHE Revolution wird in der Auswirkung auf die Gesellschaft der Digitalen Transformation in nichts nachstehen

Wir freuen uns schon sehr auf Ihre Keynote am 18. April. Was können sich die Teilnehmer des ExpertenfrĂŒhstĂŒcks erwarten?

Dietmar Dahmen: MINDBLOW!

 

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