Das Page Paradigma

26. April 2005

Wir veröffentlichen hier in deutscher Übersetzung Mark Hursts kontroverses „Page Paradigma“, welches in den USA fĂŒr einige Diskussion gesorgt hat. Das „Page Paradigma“ lautet: Auf jeder Webseite werden Benutzer entweder (a) auf irgendetwas klicken, was den Anschein erweckt, sie nĂ€her zu ihrem Aufgabenziel zu bringen oder (b) auf den „ZurĂŒck“ Button des Webbrowsers klicken. Laut Mark Hurst reicht dieses Prinzip aus, um das Navigationsverhalten von Benutzern vollstĂ€ndig zu erklĂ€ren. Konsistente Navigationsstrukturen und nicht zielfĂŒhrende Seitenelemente sind nach Mark Hurst ĂŒberflĂŒssig.

WĂ€hrend der neun Jahre, die ich jetzt schon auf dem Gebiet der User Experience tĂ€tig bin, hat sich im Internet einiges verĂ€ndert – nur dies nicht: die Art und Weise, wie Benutzer auf Webseiten navigieren.

Schon 1999 habe ich das „Page Paradigma“ vorgeschlagen, um dieses beinahe konstante Navigationsverhalten zu beschreiben. Es ist auch heute noch gĂŒltig, wie wir tĂ€glich in den Usability-Laboren in den USA und weltweit beobachten können.

Deswegen lohnt es sich, das Prinzip zu wiederholen:

Das Page Paradigma

Auf jeder Webseite werden Benutzer entweder

  • auf irgendetwas klicken, was den Anschein erweckt,
    sie nÀher zu ihrem Aufgabenziel zu bringen
  • oder auf den „ZurĂŒck“ Button des Webbrowsers klicken

Es gibt hierzu ein paar Anmerkungen, die Beachtung finden sollten.

Anmerkung 1

Dies ist ein rekursiver Algorithmus. Das heißt, dass die oben stehende Regel das Verhalten des Benutzers auf der gesamten Website vollstĂ€ndig erklĂ€rt. Wann immer der Benutzer auf einer neuen Seite innerhalb des Webauftritts landet, greift die Regel auf ein Neues: „Auf jeder Webseite werden Benutzer entweder 
“.

Anmerkung 2

Benutzer interessiert es nicht großartig, wo genau sie sich innerhalb der Website befinden. Die so genannten „Breadcrump Links“, die dem Benutzer die genaue Hierarchie der Website anzeigen, wĂ€hrend er in tiefere Ebenen der Website vorstĂ¶ĂŸt, sind eine nette aber hauptsĂ€chlich irrelevante Technologie. Es ist nicht so, dass die Benutzer die Links nicht verstehen; sie interessieren sich einfach nicht dafĂŒr.

Lasst es mich nochmals auf „Max Bialystock“ Art aussprechen:
Benutzer interessiert es nicht, wo sie sich gerade innerhalb der Website befinden.

Ich betone diesen Punkt, weil Web-Entwickler oftmals viel Zeit darauf verschwenden, sich Gedanken darĂŒber zu machen, in welcher Ecke welcher Inhalt „leben“ soll. Sollte er in Bereich B sein? Wenn ja, dann mĂŒssen klare Links von Bereich A nach Bereich B gesetzt werden. Und die SekundĂ€rnavigation muss dann Bereich A bis C auflisten, die Bestandteil der Kategorie D sind, weil die Benutzer eventuell die Beziehung zwischen C, B und dem sich auftuenden Wurmloch in der Sitemap erkennen mĂŒssen.

WĂ€hrend dessen ist der Benutzer auf der Website und denkt: „Haben die das Produkt auch in GrĂ¶ĂŸe 3?“ und ignoriert einfach jedes Element auf der Webseite, dass ihm nicht den Anschein vermittelt, zielfĂŒhrend zu sein. All die schönen Darstellungen der Struktur der Website, die so sorgfĂ€ltig in Übereinstimmung mit der Organisation der Website gehalten werden 
 einfach von den Benutzern ignoriert. All die tanzenden Promotionen und Banner 
 einfach ignoriert. Der Benutzer ist, wie immer, in Eile und lĂ€sst sich auch durch die bestgemeinten Anstrengungen der Informationsarchitekten und Marketing-Verantwortlichen nicht von seinem Ziel ablenken.

Anmerkung 3

Max Bialystock ist eine Figur in „The Producers“. Schauen Sie sich den Film an! 

Anmerkung 4

Über das Ziel (vielleicht sollten wir es das Ziel nennen). Benutzer kommen nur auf die Website, wenn sie ein Ziel verfolgen – ĂŒblicherweise das Auffinden einer bestimmten Information oder die DurchfĂŒhrung einer bestimmten Transaktion. Das Ziel ist sehr genau and ist der treibende Motor hinter der User Experience der Website. ErfĂŒlle das Ziel schnell und einfach, dann hat man eine gute User Experience; ansonsten werden die Benutzer in Zukunft einen Bogen um die Website machen. 

Was ist also mit all den anderen Elementen auf einer Webseite – Promotionen, einfĂ€ltiges „Branding“, aufgetakelte Navigationen, graphische Werbung und der Rest – die mit der Zielsetzung gar nichts zu tun haben? Aus der Benutzersicht sind sie im besten Fall sinnfrei – im schlimmsten Fall jedoch ein aktiver Anreiz diese Website seinen Freunden nicht ans Herz zu legen.

Anmerkung 5

Konsistenz ist nicht notwendig. Über Jahre hinweg wurde Studenten gelehrt, dass die Konsistenz der BenutzeroberflĂ€che eine der Kardinalstugenden der Gestaltung von Benutzungsschnittstellen ist. Vielleicht ist dies fĂŒr Software auch noch gĂŒltig, aber im Internet trifft es einfach nicht zu. Worauf es im Internet ankommt, ist, ob der Benutzer auf jeder einzelnen Webseite schnell und einfach zum nĂ€chsten Schritt im Prozess vorankommen kann. 

In unserem Unternehmen „Creative Good“ nennen wir dies „intelligente Inkonsistenz“: sicherzustellen, dass jede einzelne Webseite dem Benutzer genau das gibt, was er an diesem Punkt im Prozess braucht. Das HinzufĂŒgen von ĂŒberflĂŒssigen Navigationselementen, nur weil sie konsistent mit dem Rest der Website sind, ist unsinnig.

Umsetzung des Page Paradigmas

Die Gestaltung einer User Experience unter BerĂŒcksichtung des Page Paradigmas erfordert drei Schritte:

  1. Identifikation der Benutzerziele fĂŒr jede Seite im Webauftritt 
  2. ZurĂŒckstellung oder Entfernung aller Seitenelemente (oder Teile der Seite), die nicht dazu beitragen, das Ziel zu erreichen 
  3. Hervorhebung (oder EinfĂŒgung) von den Links, Formularen oder anderen Elementen, die den Benutzer entweder nĂ€her ans Ziel bringen oder es letztendlich erfĂŒllen.


 und das war’s auch schon. 

Quelle: Good Experience Newsletter

Leserbriefe

So weit so gut: aber damit sind nur Besucher mit „fokussierter Aufmerksamkeit“ im Visier. User mit schwebender Aufmerksamkeit interessieren sich unter UmstĂ€nden doch fĂŒr Struktur.

UND:

Aus meiner praktischen Erfahrung kann ich berichten (und da kann es 100 Studien geben, die das Gegenteil beweisen wollen):

Wenn ich ĂŒber Google auf eine Webseite gelange (und das ist fast immer der Fall -ich tipp selten etwas in die Adresszeile ein ;-)), DANN kommt es vor, dass mich der ersurfte Informationshappen interessiert. Oft ist das ein Shop-Artikel etc. UND wenn ich mich DANN nicht auf der Seite orientieren kann (wie komme ich eine Ebene höher oder was haben die noch in dieser Kategorie anzubieten oder wo im Shop befinde ich mich), dann kommt es oft vor dass ich diese Seite schnell wieder schließe.

Ich bin definitv FÜR eine konsistente Navigation und Breadcrumbs 😉 Ausserdem wird es von denen die es nicht interessiert, sowieso ignoriert.. oder?

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