Relaunch, nur fĂŒr Masochisten?

17. Mai 2014


Relaunch soll eine neue, verbesserte Gestaltung eines schon lĂ€nger auf dem Markt befindlichen Produkts sein. Das Marketing-Ziel ist, fĂŒr eine etwas angestaubte Version eines Produktes neue KĂ€uferschichten zu erschließen und Ă€ltere Nutzer zum Neukauf zu animieren. Bei Software-Relaunch wird die Usability oft strĂ€flich vernachlĂ€ssigt. Der Schuss geht dann nach hinten los. Statt den Umsatz anzukurbeln erweist sich ein schlechter Relaunch als Kaufhemmnis.

Relaunch um jeden Preis

Auf dem Autosalon wird der Nachfolger des legendÀren Amalfi W7, ein von Softwarespezialisten relaunchter Amalfi W8 vorgestellt:
Ein Highlight der Ingenieurskunst! Die RÀder des W8 sind auf dem Dach montiert. Die Reifen des alten Modells standen immer im Dreck und nutzten sich beim Fahren unnötig ab. Damit ist jetzt Schluss!
Das wenig genutzte Heckfenster wurde innovativ in die Bodenplatte integriert. Jetzt hat der Fahrer auch wĂ€hrend der Fahrt immer ungetrĂŒbten Blickkontakt auf die Fahrbahnbeschaffenheit. Ein ungeahntes Plus an Sicherheit!
Das runde, etwas barock anheimelnde Lenkrad wurde durch ein dreieckiges ersetzt, die Optik mit Swarovski-Applikationen aufgepeppt. Der W8 betritt das mondÀne Parkett!
Die Hupe des W8 durch einen großzĂŒgig dimensionierten SchalldĂ€mpfer gebĂ€ndigt. Dadurch ist es dem W8-Fahrer möglich, auch in Wohngebieten und sogar nachts, nach Lust und Laune zu hupen.
Der innovative Amalfi W8 ist ein Burner! Er wird die MĂ€rkte umkrempeln! DarĂŒber ist sich die GeschĂ€ftsleitung einig.

Office Relaunch

Vor einigen Jahren fĂŒhlten sich viele intensive Office-Nutzer vor den Kopf gestoßen. Durch langjĂ€hrige Nutzung des „alten“ Office-Paketes hatten sie sich an KlappmenĂŒs gewohnt. Ohne viel nachzudenken und Zeit zu verschwenden konnten sie ihre Texte erstellen, in das gewĂŒnschte Format bringen, drucken und verschicken. Die Vorfreude auf den Office-Relaunch wurde jĂ€h getrĂŒbt. Einfachste Aufgaben mutierten zu Suchaktionen durch die BenutzeroberflĂ€che. Es dauerte einige Wochen, bis man wieder entspannt Texte schreiben konnte. Der Office-Anwender verlor nicht nur den Überblick, sondern auch die Kontrolle ĂŒber seine Arbeit. Die Kosten fĂŒr das erzwungene Neu-Lernen wurden stillschweigend von den Anwendern und nicht vom Hersteller ĂŒbernommen.

Windows 8

Ähnlich ist die Situation bei Windows 8. Nach dem Start des Rechners erscheint zunĂ€chst die neue Kachel-Ansicht. Was die Kacheln bedeuten und wie man zu seiner gewohnten Umgebung kommt ist schleierhaft. Wie soll man jetzt zĂŒgig anfallende Arbeiten erledigen? Die Kachel-Umgebung mag fĂŒr Tablets mit Touchscreen besser geeignet sein. Eine einheitliche OberflĂ€che ist auch bei gleichzeitiger Nutzung von Tablets und Laptops sinnvoll. Aber muss man den Kunden deshalb vor den Kopf stoßen? Sanfter Umstieg ist doch auch möglich! Siehe Windows 8.1. Ist keiner von den Tausenden Windows-Entwicklern mal auf die Idee gekommen, die Usability-Aspekte auch aus der Sicht der routinierten User und langjĂ€hrigen Kunden zu betrachten? Mussten erst Millionen hĂ€mischer Postings im Web und tausende kritische Artikel in der Presse diesen Mangel darlegen?

Fazit:

Relaunch, ja! Aber die Kunden nicht vergessen. Dann klappt‘s auch mit der Presse.
Siehe auch:
Stiftung Warentest: „Windows 8 anpassen mit Classic Shell: Fenster statt Kacheln“ (02.10.2013)

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