Flughafen-Usability

23. März 2011

Ausgerüstet mit den notwendigen Informationen über Abflugort, Ankunftsuhrzeit und Fluggesellschaft, nur eben schnell zum Flughafen und eine Freundin abholen, die aus dem Urlaub kommt. Eine leichte Aufgabe, da kann doch nichts schief gehen, oder?

Durch diesen Ausgang wird sie kommen. Mit 35 Minuten Verspätung.

Ich stehe im Terminal 2 des Flughafens Köln-Bonn vor einer riesigen digitalen Anzeige. Ein kalter Luftzug lässt mich in dieser ebenfalls riesigen und fast menschenleeren Halle frösteln. Durch die deckenhohen Fenster sind bunte Lichter und Leben draußen in der Dunkelheit zu erkennen. Hier drinnen kommt es mir vor, als wäre der Ort eigentlich nicht für Menschen gemacht: Stahl, Neonlicht, Beton, Stein und Milchglas lassen einen nicht unbedingt Geborgenheit empfinden.

In der Ecke der Halle diskutieren ein paar dunkelhäutige Männer lebhaft mit Armen und erhobener Stimme. Es scheint, als verhandeln sie etwas. Ich kann es ihnen nicht verdenken, dass sie sich in die Ecke gedrängt haben, vielleicht zieht es dort weniger kalt.

Ich starre auf die Anzeigentafel. Die führende Information ist die lange, kryptische Flugnummer.

Abbildung 1: Flugnummer
Abbildung 1: Flugnummer

Als würde irgendjemand sich danach orientieren. Ich jedenfalls schaue zuerst nach dem Abflugort und dann nach der Ankunftsuhrzeit – sobald ich im hoffentlich richtigen Terminal für die richtige Fluggesellschaft bin. Meistens fliegen Flugzeuge nicht im Doppelpack und damit ist es mit Ort, Zeit und vielleicht noch Fluggesellschaft eindeutig. Ehrlich gesagt kenne ich die Flugnummer meist gar nicht, wenn ich Freunde abhole. Übrigens müssten die ersten Buchstaben der Flugnummer – „EZY“ – die Abkürzung für die Fluggesellschaft „Easy Jet“ sein. Ich frage mich, wer sich diese Abkürzung ausgedacht hat und vor allen Dingen warum genau diese.

Mir wird kälter, aber wenigstens meine Augen bewegen sich auf der Tafel und mein Nacken trainiert die Haltemuskeln. Als nächste Information erkenne ich, wann das Flugzeug hätte ankommen müssen und dann, wann es wahrscheinlich wirklich kommen wird.

Abbildung 2: Uhrzeiten
Abbildung 2: Uhrzeiten

Eine 35 Minuten spätere Uhrzeit wird angezeigt. Die Frage ist nur, wann sind diese 35 Minuten später? Wieviel Uhr ist es eigentlich? Eben will ich mit klammen Fingern mein Handy aus der Tasche holen, als ich ganz unten an der riesigen Tafel die Uhrzeit erkenne. Wohl im Nachhinein angebappt – aber nicht an der Stelle, wo man sie braucht, nämlich in der Nähe der anderen Uhrzeiten. Na, ja, wenigstens ist es effektiv möglich, die Zeit „auf“ der Tafel abzulesen, wenn auch nicht effizient. Aber Bewegung tut ja auch dem Auge gut – was mich dennoch nicht zufrieden stellt.

Eine weitere Information auf der Tafel lässt mich stutzen „Hinweis: Ost“.

Abbildung 3: Hinweis: Ost
Abbildung 3: Hinweis: Ost

Es gibt auch den „Hinweis: West“ – die Frage ist nur, worauf mich das hinweisen soll. Früher hätte man das vielleicht als Hinweis auf DDR- oder BRD-Maschinen interpretieren können. Oder werden die Maschinen aus Osten oder Westen anfliegen? Aber wieso ist das interessant?

Ein Mann nähert sich mit einer Kamera. Neben den Männern in der Ecke und mir ist das jetzt erst die dritte „Partei“, die ihre Lieben abholt. Traurig, wie leer die Halle ist. Es werden bestimmt gleich 100 Menschen landen und lediglich drei werden abgeholt. Es ist nicht nur draußen kalt in Deutschland. Ich seufze und widme mich wieder der Tafel.

Plötzlich ändert sich „Ost“ in „gelandet“ bei der Maschine, mit der meine Freundin ankommen wird – und wieder umgekehrt. „Ost“ – „gelandet“ – „Ost“ – „gelandet“. Die Tafel will sich nicht beruhigen. Und ich kann mir auch keinen Reim machen. Wieso flackert das so? Ist es kaputt? Landen die dauernd und heben daraufhin wieder ab? Ich denke an Wodka und trotz Kälte und Einsamkeit muss ich schmunzeln. Dennoch kann ich diese flackernde Info nicht auf sich beruhen lassen und schaue mich ein wenig weiter um.

In einer anderen Ecke erkenne ich eine kleinere grün beleuchtete Anzeigentafel. Ich will der Sache auf den Grund gehen und widme mich dieser weiteren Informationsaufbereitung. Interessanterweise flackern auch hier die gelandeten Flüge – sogar in gelb, aber ohne einen einzigen Hinweis, dass das Geflackere „gelandet“ bedeutet.

Und dann trifft mich die Erkenntnis. Im Prinzip werden auf dieser kleineren Tafel dieselben Infos dargestellt wie auf ihrer gigantischen Schwester – mit einer kleinen Ausnahme. Anstatt mit „Hinweis“ ist „Ost“ mit „Ausgang“ überschrieben. Ich setze die Worte für mich zusammen: „Ausgang-Ost.“ Wo bin ich!?!

Hektisch durchsuche ich die Halle nach Standortkodierungen. Auf einmal macht alles einen Sinn und die Zeichen werden zu Informationen! Und dann erfahre ich es: Ich bin im Westen. Oh nein, steht meine Freundin vielleicht alleine in einer anderen Halle und fragt sich, warum ich nicht da bin?

Ich beginne zu laufen. In einen anderen Teil der Halle und sehe plötzlich Menschen. Familien, Verliebte mit Blumen in den Händen, Mütter, Väter, Freunde, die auf ihre Lieben warten. Die Halle wirkt warm und belebt. So kalt ist es in Deutschland gar nicht. Und auch die Sache mit den Anzeigetafeln erscheint in einem romantischen Licht. Sie sind nur gemeinsam zu verstehen. Und da muss man erstmal hinterkommen.

Diesen Beitrag bookmarken bei:
Bookmark bei: Yigg Bookmark bei: Webnews Bookmark bei: Technorati Bookmark bei: Mr. Wong Bookmark bei: Linkarena Bookmark bei: Del.icio.us Bookmark bei: Google Bookmark bei: Favoriten Bookmark bei: Facebook

Autor des Beitrags