Sind barrierefrei gestaltete Homepages automatisch auch usable – und umgekehrt?

22. April 2009

Sehr geehrtes Fit-f├╝r-Usability-Team!
W├╝rden Sie sagen, dass barrierefrei gestaltete Homepages automatisch auch ├╝ber eine h├Âhere Usability verf├╝gen oder schr├Ąnkt diese Barrierefreiheit – die sich ja bei ├Âffentlichen Seiten an Vorgaben wie etwa den WCAG-Richtlinien ausrichtet – die M├Âglichkeiten bez├╝glich Usability ein?
Grunds├Ątzlich geht es mir darum, wie der Zusammenhang von Usability und Barrierefreiheit aussieht – also ob hier Konflikte auftreten k├Ânnen (und wenn ja in welcher Form) oder ob diese beiden Themen in „Synergie“ zueinander stehen (also dass bspw. eine barriefreie Seite auch immer eine hohe Usability hat und umgekehrt)?

Danke f├╝r ihre Antwort und viele Gr├╝├če,
P.B.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,
um Ihre Frage(n) beantworten zu k├Ânnen, macht es Sinn zun├Ąchst die Begriffe Accessibility und Usability zu differenzieren.

Die Unterscheidung zwischen den Begriffen ist eigentlich relativ einfach:

Accessibility (Barrierefreiheit) hat zum Ziel, Informationen oder Technologie f├╝r jeden Benutzer zug├Ąnglich zu machen, unabh├Ąngig von technischen Voraussetzungen und Einschr├Ąnkungen. Durch Accessibility sollte also jeder Mensch in die Lage versetzt werden, eine Webseite im Internet besuchen zu k├Ânnen.

Usability (Gebrauchstauglichkeit) hat das Ziel einer idealen Strukturierung von Informationen und Abl├Ąufen – f├╝r bestimmte Benutzergruppen -, um eine effiziente Benutzung dieser Informationen mit (der die Information vermittelnden) Technologie
zu erm├Âglichen. Durch Usability sollte der Besucher einer Webseite also einfach und direkt dorthin finden k├Ânnen, wo er hin m├Âchte, und dabei immer Klarheit dar├╝ber haben was gerade vor sich geht – vorausgesetzt er z├Ąhlt zum relevanten Benutzerkreis.

Alleine daraus ergibt sich im Grunde zweierlei:
1. Accessibility ist eine wichtige Voraussetzung daf├╝r, dass eine Webseite f├╝r eine maximale Benutzerzahl ├╝berhaupt usable sein kann. (Deshalb ist die Accessibility seit einiger Zeit auch Teil der Usability-Norm DIN ISO 9241 und dort im Teil 171 geregelt.)
2. Accessibility und Usability bedingen sich nicht automatisch gegenseitig.

Aus Usability-Sicht gute L├Âsungen k├Ânnen im Internet zum Beispiel mittels Javascript realisierte Dropdown-Men├╝s sein. Diese sind hinsichtlich Accessibility aber leider eine Katastrophe, wenn sie nicht korrekt designed sind. Weiterhin stellen z.B. bestimmte Farbkombinationen, die eigentlich der Benutzerf├╝hrung dienen sollen, gerade f├╝r farbenblinde Menschen eine erhebliche Barriere dar. Aus diesem Grund sollte auf eine Kodierung von Links allein durch Farbe vermieden werden.

Hinsichtlich der Accessibility l├Ą├čt sich zu├Ąchst sagen, dass die reine Zug├Ąnglichmachung einer Webseite noch lange nicht bedeutet, dass der Besucher die angebotenen Informationen auch tats├Ąchlich versteht oder in der Interaktion mit dem System einfach und intuitiv an sein Ziel kommt.

Zum Teil kommt es sogar vor, dass Internetseiten, die f├╝r sehbehinderte oder blinde Menschen – aus Gr├╝nden der Barierefreiheit – Alternativ-Texte f├╝r Bilder bereitstellen damit sie durch einen Screenreader gelesen werden k├Ânnen, zwar – bzgl. der Bilder –
barrierfrei sind; wenn die Bilder aber keine Aussage haben, n├╝tzen diese Alternativ-Texte einem sehbehinderten Menschen trotzdem nichts. Statt dessen behindern sie ihn sogar.

Weiterhin k├Ânnen nat├╝rlich auch auf der Website angebotene Optionen, die der Barrierefreiheit dienen sollen, die Usability f├╝r nicht Uneingeweihte beeintr├Ąchtigen, wenn diese – versehentlich – Funktionen wie „Textzoom“ oder „Styleswitcher“ aktivieren, und sich dann in einer f├╝r sehbehinderte Menschen optimierten Alternativ-Version der Webseite befinden, aus der sie
nicht wieder hinausfinden.

Peter Hunkirchen

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